„Wie geht´s dir?!“
… lautet die Frage. Und ich hör mich sagen: „Gut.“ Eigentlich könnt ich auch sagen: „Willst du die Wahrheit oder die Standard-Antwort?“ Denn dieses „Gut“ entspricht ganz oft nicht der Wahrheit. Ich fühl mich manchmal überfordert, mit allem was das Leben so bereit hält. Meine Antwort lautet: „Gut“ Manchmal fühl ich mich traurig oder einsam. Meine Antwort lautet: „Gut“ Manchmal fühl ich mich wütend, unverstanden oder nicht gehört und gesehen. Meine Antwort lautet: „Gut“ Und manchmal fühl ich mich richtig wohl in meiner Haut, glücklich und voller Energie. Dann lautet meine Antwort meistens: „Gut. Echt gut.“ Manchmal aber auch nur schlicht und einfach: „Gut“
Eine einzige Antwort, die für so viele unterschiedliche Emotionen steht. Und sei mal ganz ehrlich zu dir: Beantwortest du diese Frage immer mit der Wahrheit?! Ich denke selten oder?! Aus diesem Grund versuche ich diese Frage zu vermeiden. Denn, wenn ich sie stelle, möchte ich die Wahrheit hören. Und ich weiß, wie schwer es oft ist mit der Wahrheit zu antworten.
Warum?
Warum ist das so? Warum fällt es uns so schwer auszusprechen was eigentlich ganz leicht sein sollte?!
Vielleicht, weil wir nicht in Worte fassen können was wir fühlen. Weil wir uns dafür schämen, es uns nicht erlauben. Schließlich wurde es uns in unserer Kindheit auch oft nicht erlaubt unsere „negativen Emotionen“, vor allem Wut, auszuleben. Oder uns wurde Unverständnis und Ablehnung dafür entgegen gebracht.
Vielleicht auch, weil wir gerne die Kontrolle behalten. Wir geben unsere wahre Identität nicht gerne preis, weil wir dadurch verletzlich werden und ein Stück weit die Kontrolle verlieren.
Und vielleicht auch, weil wir uns vor anderen keine Blöße geben wollen.
Kontrolle und Vertrauen
Mir persönlich fällt es sehr schwer die Kontrolle oder wie ich es nenne „das Ruder“ abzugeben. In meinem Job habe ich alles unter Kontrolle. Das muss ich ja als Chefin auch haben. Chaos und unsichere Situationen mag ich nicht. An ihnen arbeite ich so lange bis sie wieder sicher unter Kontrolle sind. Meinen persönlichen Anspruch hab ich mittlerweile heruntergeschraubt, der war nämlich so hoch, da kam ich selbst kaum ran.
Meinem Ex-Mann hab ich kaum das Ruder überlassen, weil ich das Gefühl hatte dann eskaliert alles und geht den Bach runter. Dabei hab ich mir genau DAS gewünscht. Einfach mal das Ruder loslassen und entspannen können. Vertrauen haben in Menschen, dass sie Situationen vielleicht nicht genauso lösen wie ich es tun würde, aber anders vielleicht sogar unterm Strich besser.
Und vor allem ins Universum zu vertrauen. Denn alles kommt wie es kommen muss. Was bleiben soll, bleibt sowieso. Was gehen muss, geht sowieso.
1000 Hüte
Aber am allermeisten kontrolliere ich mich. Ich möchte niemanden verletzen, deshalb achte ich darauf was ich sage und zu wem. Ich achte darauf gegenüber anderen keine Trigger zu erwähnen, wenn ich von ihren sensiblen Themen weiß. Das heißt nicht, dass man von mir nicht die Wahrheit erwarten kann. Ich packe sie nur manchmal in Watte. Missverständnisse nicht zu klären kann ich nur ganz schwer aushalten. Deshalb sprech ich im Normalfall alles gleich an. Auch wenn mir eine ungewöhnliche Reaktion bei meinem Gegenüber auffällt.
Ich selbst habe 1000 Hüte. Meinen Arbeits-Hut und meinen Privaten. Den, wenn ich mit Freunden unterwegs bin und den für meine Familie. Und ganz besonders hab ich einen Hut, der verstecken kann wie´s mir wirklich geht. Denn, wenn ich nicht will, dass das jemand weiß, dann weiß das auch keiner. Und ich denke das geht ganz vielen so. Doch genau das ist es, was manchmal nicht authentisch wirkt. Vor allem bei Menschen, die sehr feinfühlig sind. Deshalb sollten wir uns vielleicht mehr erlauben unser wahres ICH zu zeigen.
Warum ich das hier schreibe?! Weil ich dich daran erinnern will, dass jeder von uns Kämpfe zu kämpfen hat, von denen du nichts weißt. Jeder Mensch, der dir mit einem Lächeln begegnet, hat vielleicht gerade eben in seinem Auto noch geweint. Jeder Mensch, der dir stark vorkommt, ist vielleicht nur so stark, weil er gezwungen ist stark zu sein.
Deshalb begegne den Menschen mit Liebe, Verständnis und Mitgefühl. Denn.. Nichts ist wie es scheint.